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Excellentia
Terezin/ Theresienstadt; Anne Sofie von Otter, Christian Gerhaher, Bengt Forsberg, Daniel Hope, Bebe Risenfors, Ib Hausmann; 1 CD Deutsche Grammophon 477 6546; 2007 (71’40)
Wenn Ihnen bei dieser CD die Tränen nicht kommen, wann soll es dann sein? Sie ist ein Werk der Liebe und des Engagements der außergewöhnlichen Anne Sofie von Otter, die sich schon so oft zugunsten vernachlässigter Komponisten eingesetzt hat. Hier sei nur an ihr 'Rendez-vous mit Korngold' erinnert, eine der überzeugendsten Wiedergutmachungen des bisher so sehr Vernachlässigten.
Auch wenn während des letzten Jahrzehnts die Komponisten und Musikschöpfer des tschechisch-deutschen Kulturraums stärker ins Bewusstsein getreten sind und die Namen Schulhoff, Ullman, Krása, Klein, Haas, Taube inzwischen zum Weltmusikerbe gehören, so ist doch immer noch die furchtbare Tragödie nicht ganz ins Bewusstsein gedrungen, die hinter jedem dieser Menschen – und der unzähligen andern Einzelschicksale –, die durch Theresienstadt hindurch mussten, um zu den letzten zu gehören, die dann doch noch in Auschwitz umgebracht wurden. Es waren Zehntausende, die so in den Oktobertagen 1944 umkamen. Auch der Halbbruder und die Halbschwester von Julius Korngold Vater und ihre ganze Nachkommenschaft waren dabei, wie erst jetzt durch Dokumente belegt ist. (Siehe dazu meine demnächst erscheinende Korngold-Biographie 'Musik ist Musik' im Matthes & Seitz Verlag Berlin).
Das Einzigartige dieser DG-Neuproduktion ist das Menschliche, Allzumenschliche, das sie verdeutlicht. Hier wird nicht einfach Werk an Werk gereiht, sondern es wird versucht, das Tägliche und Alltägliche dieser Konzentrationshölle, die "der Führer den Juden geschenkt" hatte, hörbar und dadurch einsichtig werden zu lassen.
Die Bekümmernisse jeden Augenblicks, der Wille zum Überleben "trotz alledem", die menschliche Würde, die weiter durch unermessliches Leid hindurchschimmert, der Widerstand, der trotz aller Schindereien und Entwürdigungen immer noch präsent ist und am Leben hält: all dies wird dem Hörer in einem kaum in Worte zu fassenden Musikdokument nahe gebracht.
Dazu brauchte es eines Konzeptes, das schlechthin genial zu nennen ist, dazu brauchte es Interpreten, die sich selbstlos in den Dienst einer außergewöhnlichen Causa stellten: Anne Sofie von Otter von stets gleicher Intensität, mit einem Textverständnis, einem Sinn und 'Feeling' für das Lied in all seinen Formen, die ihresgleichen suchen; Christian Gerhaher, der zum größten heutigen Bariton heranreift und seine Texte hier geradezu phänomenal gestaltet; Bengt Forsberg, der Getreue, der auch hier der Begleiter der beiden Sänger ist, und andere Freunde höchsten Ranges: der Klarinettist Ib Hausmann, der Gitarist Bebe Risenfors, der Geiger Daniel Hope, der zum Abschluss Erwin Schulhoffs Sonate für Solovioline mit soviel Intensität spielt, dass diese Interpretation zum krönenden Abschluss einer außerordentlichen Leistung wird. Sie ist es schon deshalb, weil sie durch ihren Abwechslungsreichtum die vielfältigen Versuche, dennoch zu überleben, deutlich macht, wobei auch das Kabarett nicht zu kurz kam, selbst wenn es Ausdruck schierer Verzweiflung ist: Hier sollen die Namen Karel Svenk, Adolf Strauss und Martin Roman genannt werden.
Der Name aber, der im Vordergrund der CD steht und gleichzeitig ihr Zentrum bildet, ist der von Ilse Weber. Sie war eine junge Krankenschwester, die in Terezin über 60 Gedichte schrieb, von denen sie einige vertonte und den Kranken und Kindern vorsang, indem sie sich auf der Gitarre begleitete. Mit 'Ich wandre durch Theresienstadt' beginnt denn auch diese erstaunliche Einspielung und 'Wiegela' heißt das letzte ihrer Lieder.
Überlebende Augenzeugen haben bescheinigt, dass Ilse Werner, die freiwillig mit den Kindern in die Gaskammer ging, 'Wiegela' dort noch den Erstickenden sang, bis ihr die Stimme schwand. GW
Pizzicato Mars 08
Supersonic
Symphonies of the Mozart Era; Cappella Coloniensis, Hans-Martin Linde, Ulf Björlin; 2 SACDs Capriccio 71 110; 2006 (143’42)
Die beiden Großen der Klassik, Haydn und Mozart, überragen ihre Periode derart, dass viele andern nicht aus ihrem Schatten herauskommen. Dennoch wurde damals enorm viel Musik geschrieben, die es verdienen würde, aus ihrem Randdasein herauszutreten. Hier weiterzuhelfen, haben sich die Cappella Coloniensis und das (mittlerweile in Konkurs geratene) Label Capriccio zusammengetan und stellen eine im vor dem Konkurs noch belieferten Handel erhältliche Doppel-SACD vor, die in jeder Hinsicht Beachtung und Anerkennung verdient. Dabei soll speziell gewürdigt werden, dass das Kölner Ensemble auf historischen Instrumenten spielt und somit der Klang ihrer Darstellungen nahe ans Original herankommt, soweit man dies beurteilen kann. Außer für Vanhal, liegt das Dirigat in den kompetenten Händen von Hans-Martin Linde, – Flötist, Lehrer, Komponist und Dirigent –, der mit dieser Musik bekanntlich überaus vertraut ist.
So können wir vom großen Revolutionskomponisten François-Joseph Gossec (1734-1829) seine Symphonie in B-Dur, op. 6/6 hören, ein prunkvolles Werk. Der von Mozart so sehr bewunderte jüngste Bach-Sohn, Johann Christian (1735-1782) ist mit einer Symphonie in E-Dur für Doppelorchester vertreten.
Johann Baptist Vanhal (1739-1813) mit einer Symphonie in F-Dur, Karl Ditters von Dittersdorf (1739-1799) mit einem seiner bedeutendsten Werke, der Symphonie in C-Dur, 'Die vier Weltalter'. Eindrucksvoll ist deren 'Kriegs'-Finale mit seinen prägnanten Bläsereinsätzen und seinen martialischen Rhythmen. Eine weitere Symphonie in g-Moll von Vanhal mit einer besonders schönen Einleitung eröffnet die zweite SACD. Antoine Mahaut (ca.1720-1785) ist dem Barock noch am stärksten zugewandt, wie dies seine Streichersymphonie Nr. 4 in c-Moll zeigt, während Antonin Reicha (1770-1836) in seiner Symphonie in Es-Dur schon den Übergang zur Romantik darstellt. Außerordentlich ist das Wechselspiel der Bläser und Streicher im Andante un poco adagio. Natürlich durfte ihn dieser Sammlung einer der größten überhaupt, Joseph Martin Kraus (1756-1792), nicht fehlen: Er wurde im gleichen Jahr wie Mozart geboren und starb kaum ein Jahr nach ihm! Seine Symphonie c-Moll ist ganz einfach großartige Musik, und ihr Larghetto überaus ergreifend.
Summa summarum: Hier ist viel prächtige Musik optimal vereint, und diese
Produktion, die den Klang des überragenden Orchesters wundervoll eingefangen hat, sollte für jeden, der sich für die Zeit der Klassik und überhaupt für Neuentdeckungen interessiert, schlechtweg ein Muss sein. GW
Pizzicato Mars 08
Supersonic
H. Villa-Lobos: Symphonie Nr. 10 für Tenor, Bariton, Bass, Chor und Orchester ; L. Odinius, Tenor, H. Böhm, bariton, J. Linn, Bass, Staatsopernchor Stuttgart, SWR Vokalensemble, SWR-Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Carl St. Clair; 1 CD cpo 999 7862; 11 & 12/99 (73’30)
Der Heitor Villa-Lobos- Symphoniezyklus mit dem SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Carl St. Clair entpuppt sich als eine der interessantesten Initiativen der letzten Jahre. Diese 10. Symphonie, Amerindia, ist nicht nur wundervolle Musik, sondern zudem ein Zeugnis ungewöhnlicher Schöpfungskraft und somit ein gutes Beispiel dafür, dass die die Symphonie des 20. Jahrhunderts nicht tot ist. Der Hörer wird von der unbändigen Kraft, der Tiefe, sowie den musikalischen Einfällen wirklich mitgerissen. Auch wenn Villa-Lobos’ Musik weitaus unkomplizierter und melodiöser ist als die von Shostakovich, so soll dies ihren Wert nicht schmälern.
Carl St.Clair dirigiert voller Leidenschaft und das SWR Sinfonie-Orchester erstrahlt in den schönsten Farben. Der Hörer wird vom spannungsgeladenen Spiel des Orchesters einfach gepackt, so dass die immer 73 Minuten dauernde Symphonie an keiner Stelle an Innenspannung verliert. St.Clair gelingt es, Solisten, Chor und Orchester regelrecht zusammenzuschweißen und den mannigfaltigen Farben ebenso gerecht zu werden, wie den pulsierenden Rhythmen und der melodischen Schönheit. Eine wirkliche Repertoirebereicherung! Steff
Pizzicato Mars 08
Supersonic
A. Alain par Marie-Claire Alain aux orgues de Saint-Germain-en-Laye; 1 CD Calliope Cal 9750; 03/2007 (68’27)
Si les noms de Jéhan et Marie-Claire Alain sont des références absolues et incontournables dans le monde organistique, celui de leur père, Albert Alain, demeure pour la plupart des organistes et des mélomanes absolument inconnu. Et pourtant, il gagne à être connu. D’emblée, son œuvre se positionne sans équivoque dans l’esthétique organistique parisienne de son temps. C’est une musique liturgique-symphonique conçue pour les deux Cavaillé-Coll de Saint-Germain-en Laye. Dès la première écoute de la première pièce, l’auditeur se trouve en présence d’un langage qu’il connaît et qui est celui des César Franck, Louis Vierne, Charles-Marie Widor, Alexandre Guilmant Léon Boëllmann et Eugène Gigout. Tout l’art organistique français se retrouve ici concentré en un seul compositeur aussi brillant que discret. Bien qu’il fréquente l’église et les orgues de Saint-Germain-en-Laye, Albert Alain n’en sera nommé titulaire qu’en 1923, entretenant l’instrument lui-même jusqu’en 1960. C’est donc pour “ses” deux Cavaillé-Coll, qu’Albert Alain compose une multitude d’œuvres d’orgue jusqu’en 1935. Bouleversé par la nouveauté de l’œuvre de son fils, Albert Alain cesse alors d’écrire. Depuis lors, son œuvre est tombée dans l’oubli, laissant la place à l’œuvre du fils, Jehan et surtout à la brillante carrière de sa fille, Marie-Claire. Celle-ci, après avoir enregistré une grande partie de l’œuvre organistique de Grigny à Messiaen, rend un hommage engagé à l’art de son père.
L'Impératrice des orgues montre avec ce CD qu’elle est toujours encore l’une des plus brillantes virtuoses de l’orgue symphonique et nous livre ici un trésor que nous découvrons avec une énorme reconnaissance. PiRath
Pizzicato Mars 08
Supersonic
L. van Beethoven: Klaviersonaten Nr. 5-8; Michael Korstick, Klavier; 1 SACD Oehms Classics OC 617; 5/06 (79'42)
Die ganze ungestüme Kraft des jungen Beethoven bringt Michael Korstick in diesen Aufnahmen zum Ausdruck. Kantig und unbequem klingt das, nicht selten trotzig und widerborstig. Mit einem raffinierten Pedalgebrauch und einer ausgeklügelten Agogik bereitet Korstick seinen Beethoven dramaturgisch auf und erreicht - mit seiner wunderbaren Anschlagskultur, müssen wir es erneut unterstreichen? - im Vortrag eine Spontaneität, die die Musik erklingen lässt als sei dieser Beethoven ein Stück von ihm selber. Tatsächlich hat man nie den Eindruck, als sei in diesem kompromisslos radikalen Musizieren auch nur eine Phrase recherchiert, oder auch nur ein einziger Akzent fehl am Platz. Anders als bei manch andern Interpreten, die extreme Ausdruckswerte bevorzugen, wirken Korstiks Interpretationen stimmig und sind voller Überzeugungskraft. Es ist dieser 'So muss es sein'-Eindruck, gepaart mit der Spannung, die in der Musik liegt, die diese Aufnahmen so außerordentlich interessant macht. RéF
Pizzicato Mars 08
Supersonic
Vivaldi: Nisi Dominus, Stabat Mater, Crucifixus; Philippe Jaroussky, Kontratenor, Marie-Nicole Lemieux, Alt, Ensemble Matheus, Jean-Christophe Spinosi; 1 CD Naïve OP 30453; 7/07 (41'57)
Wenn Philippe Jaroussky und Jean-Christophe Spinosi ihr Nisi Dominus beginnen, ist man gleich vom außerordentlichen Charakter dieser Interpretation angetan, nichts ahnend freilich, was da noch alles auf einen wartet. Im 'Cum dederit' passiert es dann, da wird die Musik in einer Weise transzendiert, dass man die fünf Minuten am liebsten verlängern möchte, um sich unendlich an dieser Quelle der Schönheit laben zu können. Das Nisi Dominus hat damit einen neuen Referenzstatus erlangt!
Das Crucifixus aus Vivaldis Credo vereinigt Jaroussky und Marie-Nicole Lemieux in einer emotionsgeladenen Interpretation, in der die gestalterischen Ansätze der beiden Solisten so völlig harmonieren, dass man die Lemieux als Menschen und Jaroussky als ihren Engel wahrzunehmen glaubt.
Auch im Stabat Mater bleibt Marie-Nicole Lemieux der ergriffene und ergreifend berichtende Mensch. Und eigentlich hatte man in dieser Komposition dann auch liebend gerne noch den Engel gehört. Platz genug für eine zweite Version wäre ja auch der etwas knappe bemessenen CD noch gewesen.
Spinosi und seine Musiker verzaubern die Musik, die unser Ohr innig glühend erreicht. RéF
Pizzicato Mars 08
Supersonic
H. Goebbels: Landschaft mit entfernten Verwandten; David Bennent, Stimme, Georg Nigl, Bariton, Deutscher Kammerchor, Ensemble Modern, Franck Ollu; 1 CD ECM 1811; 10/04 Live (79’57)
Heiner Goebbels Oper 'Landschaft mit entfernten Verwandten' ist keine Oper im herkömmlichen Sinne ist, und Goebbels schafft es wieder einmal, den Hörer mit ungewohnten Klängen zu verwirren. Gesagt werden muss auch, dass die Musik trotz aller Modernität eine Leichtigkeit besitzt, wie man sie nur in der Opera buffa findet. Das Schöne an der Sache ist, dass man im Booklet vergebens nach Erklärungen sucht und die Musik trotz allem begreift. Interpretation und Klang sind hervorragend.
Und so beweist ECM wieder einmal, wer in der zeitgenössischen Musik die Nase vorn hat. Wer also Neugier, Offenheit und Risikobereitschaft besitzt, wird mit 'Landschaft mit entferntenVerwandten' viel Freude haben. Steff
Pizzicato Mars 08
Supersonic
Neujahrskonzert 2008; J. Strauss Vater und Sohn, Josef Strauss, Joseph Hellmesberger, Joseph Lanner; Wiener Philharmoniker, Georges Prêtre; 2 CDs Decca 4780034; Live 1/08 (109'52)
Wenn Sie nur die allerbesten Neujahrskonzerte sammeln, sei jenes von 2008 Ihnen empfohlen. Es war das spritzigste Neujahrskonzert seit langem. Georges Prêtre, mit 83 Jahren der älteste Dirigent und der erste Franzose in der Geschichte dieses Konzerts war ein herausragender Interpret, der mit französischer Eleganz und Wiener Charme dem Konzert eine ganz besondere Duftnote gab. Prêtre ist ein viel zu bescheidener und wirklich bloß im Dienste der Musik stehender Musiker, um hier Pathos und 'Schaut her, ich bin's'-Manieren walten zu lassen. Dieser alte Herr braucht – im Gegensatz zu anderen alten Herren, die das meistgehörte Konzert des Jahres dirigierten - wirklich niemandem mehr etwas zu beweisen. Er kann die Essenz der Musik vollauf vermitteln, ohne jegliche Recherche, aber mit umso mehr Spontaneität in der Agogik und in der Einfärbung. So macht er... einfach schöne und das Gemüt erfreuende Musik, frisch, leicht und mit edelreinem Geschmack. Bravo Maître, vous étiez magnifique! RéF
Pizzicato Mars 08
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