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Excellentia
G. Mahler: Symphonie Nr. 9; Berliner Phiharmoniker, Simon Rattle; 2 CDs EMI Clasics 5012282; Live 2007 (83'32)
Dies ist für mich eine der besten Versionen der Neunten Mahler. Neben etlichen herausragenden Interpretationen, die ich um nichts in der Welt missen möchte, erlangt Rattles Berliner Live-Einspielung einen Sonderstatus. Zunächst lässt er uns mit zwei Sätzen am prallen Leben teilhaben, mit einigen Todesgedanken wohl, aber völlig überdreht, burlesk, trunken und parodistisch bis zum Geht nicht mehr.
Das Rondo ist dann schon nicht mehr von dieser Welt. Bizarr zerklüftet und zum Schluss mit extremer Virtuosität gesteigert erinnert es an einen Hexensabbat, an den Fiebertraum eines aufgeregt Sterbenden, auf das dann herzzerreißend das Adagio folgt, der Abschied, der Tod. Zuerst noch theatralisch und mit großer schmerzerfüllter Gebärde, dann immer intimistischer. Hier offenbart sich Mahlers Seele.
Genau so sehr wie die elektrisierende emotionale Reise fasziniert der Orchesterklang in seinen Farben, seinen Nuancen, seinen unerwarteten Fokussierungen, die plötzlich aus dem extrem transparenten Ganzen einzelne Details wie mit einem Klang-Mikroskop hörbar machen. Diese Realisierung auf mehreren Ebenen, dieses neue Ausleuchten der Partitur macht die Musik regelrecht neu für den, der diese Aufnahme zum ersten Mal hört. Verwirrend neu! Beim ersten Abhören war ich eigentlich nur erstaunt, mehr noch, ich war überfordert und konnte längst nicht alles aufarbeiten, was mir da zu Ohren kam. Erst ein zweiter und ein dritter Durchgang erlaubten es mir, mich wiederzufinden, die neuen Prioritäten zu erkennen und einzuordnen, mit von Climax zu Climax schwingen zu lassen, den Boden nicht unter den Füssen zu verlieren, wenn alles kollabiert und droht, im Big Bang auseinander zu knallen. Das muss man erst erfühlen, diese Lebenslust im ersten Satz, die ganze Perversität des Zweiten und die hässlichen Träume des Dritten, ehe die Kehrseite der Medaille uns brutal realistisch den Tod erleben lässt. Nicht transzendierend wie bei Karajan, nicht beschönigend und komfortabel wie bei Tilson Thomas, nein, einfach nur so, der Tod! RéF
Pizzicato Mai 08
Supersonic
Historical Russian Archives: Alexander Gauk Edition – Werke von Shostakovich, Arensky, Khatchaturian, Prokofiev, Glinka, Tschaikovsky, Liszt, Beethoven, u.a.; Solisten, USSR State Radio & TV Symphony Orchestra, Grand Symphony Orchestra, Symphony Orchestra of the All-Union State Radio, Bolshoi Theatre Orchestra, USSR State Symphony Orchestra, Alexander Gauk; 10 CDs Brilliant Classics 8866; Live 1944-61
Man hat viel über den legendären russischen Dirigenten und Ausbilder Alexander Gauk (1898-1963) gelesen und doch so wenig von ihm gehört. Brilliant hat ihm nun in seiner gleich einen ganzen Schuber mit 10 Live-CDs gewidmet. Einziges Manko bei diesem Label sind (wie immer) die unzulänglichen und wenig informativen Booklet-Notizen. Von sechzehn Seiten ist nur eine Gauk gewidmet. Der Lehrer von Mravinsky, Svetlanov und vielen anderen ist hier mit Werken von Shostakovich (Symphonien Nr. 5 & 11), Khatchaturian (Spartacus, Symphonie Nr. 1), Tschaikovsky (Snow Maiden, Hamlet, Fatum, Jahreszeiten) aber auch von Liszt (Faust-Symphonie), Beethoven, Mendelssohn, Bizet, Arensky, Glinka, Rachmaninov u.a. zu hören. Dem interessierten Hörer bietet dieser Schuber eine aufregende Reise durch das Können eines der größten Dirigenten des Jahrhunderts, wenn man Gauk auch gerne in anderen, wichtigeren Werken des russischen Repertoires gehört hätte. Aber eigentlich mehr als das. Wir erleben die diversen Werke in wundervollen Interpretationen, die sicherlich nicht jedem Geschmack entsprechen, in ihrer Gesamtheit aber faszinierende Hörerlebnisse bieten. Da stört es dann auch wenig, dass der Klang nicht immer optimal und die Orchester nicht immer erstklassig sind. Allein schon wegen der beiden Shostakovich-Symphonien (welch erschütternde Elfte!!) und der exzellenten Faust-Symphonie von Franz Liszt lohnt sich das Anschaffen dieser Brilliant-Box. Eine der wirklich wichtigen historischen Veröffentlichungen der letzten Jahre! Steff
Pizzicato Mai 08
Supersonic
J. S. Bach: Sechs Cellosuiten; Anne Gastinel, Cello; 2 CDs Naïve V 5121; 07 & 09/07 (140’)
Anne Gastinel bringt den Hörer zum Schwingen! Ihre Interpretation der sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach suchen eigene Wege. Nicht der meditative Charakter, nicht die analytische Transparenz und auch nicht die historische Aufführungspraxis stehen im Mittelpunkt, sondern vielmehr die innere Kraft, aber auch eine gewisse Zerrissenheit der Musik. Anne Gastinel betont die dunklen Töne und lässt Bachs Musik quasi aus dem Bauch heraus entstehen. Dieses Erlebnis setzt sich dann beim Hörer fort, denn dieser wähnt sich niemals sicher, kann nie Zuflucht in einem fließenden Ablauf suchen.
Erst durch das Hören dieser Aufnahme wird einem bewusst, wie leicht es sich manchmal andere Interpreten machen, in dem sie nur dieses verführerische meditative Element in Bachs Musik aufspüren und nutzen. Dass Bachs Suiten aber Himmel und Hölle zugleich sind, das wird einem erst mit dem Abhören dieser klanglich und natürlich spieltechnisch hervorragenden Aufnahme bewusst. Ein einmaliges Erlebnis! Steff
Pizzicato Mai 08
Supersonic
F. Chopin: 24 Préludes op. 28, Petit Prélude en la bémol, Trois nouvelles Études, Prélude op. 45; F. Mompou: Musica callada n° 15 sur le thème du 4e Prélude de Chopin; Prélude n° 9; Le Lac; Alexandre Tharaud, piano; 1 CD Harmonia Mundi HMC 901 982; 6/07 (58'07)
Si vous croyez connaître les Préludes op. 24 de Frédéric Chopin, vous serez sans doute très surpris par la lecture peu conventionnelle d'Alexandre Tharaud. L'interprète dit de ce cycle qu'il est 'traversé par la violence et par la mort" et qu'il y règne une peur sous-jacente même dans les préludes les plus sereins. Tharaud en fait une musique qui transcrit les peines de son auteur, ses états d'âmes difficiles permettant tout sauf la tristesse et la résignation. Il nous montre un Chopin qui questionne, qui menace, qui se défend. Derrière les passages virtuoses, derrière les moments tranquilles, l'orage gronde et l'abîme est béant.
Avec un arsenal impressionnant de timbres, de couleurs et d'outils dynamiques, Tharaud ne fournit certes pas une lecture objective des Préludes. Il n'adoucit pas Chopin, il n'a pas pitié avec lui ni avec nous autres, ses auditeurs. Le parcours est douloureux. Il nous fait entrevoir une âme torturée, d'une violence intérieure et tout à fait désespérée que les moments sereins n'arrivent pas à cacher.
Le programme se termine par trois pièces de Frédéric Mompou dont le grand prélude élégiaque 'El lago' que Tharaud décrit ici comme un écho à la violence des Préludes de Chopin.
Un disque aux interprétations très personnelles qui ne combleront que ceux qui sont prêts à suivre Tharaud dans ce voyage difficile, prêts à…souffrir! RéF
Pizzicato Mai 08
Supersonic
F. Schubert: Impromptus op. 90, D.899, Allegretto D. 915, Drei Klavierstücke D.946; Javier Perianes; 1 CD Harmonia Mundi HMI 987080; 2007 (70’18)
Aufnahmen mit Schuberts Impromptus, denen zu seinen Lebzeiten mit Argwohn, wenn nicht mit Ablehnung begegnet wurde, gibt es bald soviel wie Sand am Meer, und immer noch kommen welche hinzu. Deshalb wird verständlich, dass der Rezensent nicht mehr bei jeder Neuaufnahme vor Begeisterung in die Höhe springt. Bei dieses aber ist es der Fall, denn von allen Interpretationen, die ich in den letzten Jahren gehört habe, ist die Deutung der Impromptus Op.90 D.899, des Allegrettos in c-Moll D.915 und der drei Klavierstücke D.946 durch den Spanier Javier Perianes, einen Schüler von Daniel Barenboim, die poetischste. Ja, man kann hier von Poesie pur sprechen.
Schon das Impromptu Nr.1 in c-Moll erklingt mit einer Zurückhaltung, einer Verinnerlichung, einer Introspektion, die es in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Diese Zurücknahme, dieses In-sich-Hineinhören führt beim 3. Impromptu in Ges-Dur zu einer blühenden Sanglichkeit, für die es keine Worte mehr gibt. Ebenso kommt die Brillanz des 2. in Es-Dur nicht auftrumpfend, sondern eher nachdenklich daher, und im letzten Impromptu in as-Moll sorgt Perianes (endlich einmal!) für die Gleichwertigkeit der Stimmen und gestaltet einen wunderbar eingedüsterten Mittelteil.
Gleiche Wertigkeit gibt der auch technisch hervorragende spanische Pianist den drei Klavierstücken D.946, die in Schuberts letztem Lebensjahr entstanden und eben das Denken und Nachdenken über Letztes zum Inhalt haben. Kein Wunder, dass es bis 1868 dauerte, ehe sie gedruckt wurden… Durch seinen ungemein sensiblen und präzisen Anschlag seine subtile Phrasierung und das Atmen seines Spiels versteht es Perianes, auf den Grund dieser Musik zu gehen und zudem noch ihre fundamentale Zerrissenheit mit einer unvergleichlichen Poesie zu verbinden, was die Intensität ihrer Stimmungswechsel nur noch ergreifender macht. Dazwischen funkelt das Allegretto D.915 wie ein edles Bijou. GW
Pizzicato Mai 08
Supersonic
L. Janácek: Die Ausflüge des Herrn Broucek; Jan Vacík, Peter Straka, Roman Janal, Maria Haan, Zdenek Plech, BBC Singers, BBC Symphony Orchestra, Jiri Belohlávek; 2 CDs Deutsche Grammophon 477 7387; 2007 (123’00)
Dies ist eine wichtige Neuerscheinung! Das Schmerzenskind von Leos Janácek, der fast zehn Jahre allein am ersten Teil der Komposition arbeitete und der sich trotz allem noch an einen zweiten, etwas weniger geglückten Teile wagte, wobei er etwa zehn Librettisten verschliss, ist eine Komposition jenseits aller Normen. Hier liegt sie erstmals auf der Grundlage der neuen Edition von Jirí Zahrádka und Sir Charles Mackerras vor.
Sie geht auf zwei Novellen von Svatopluk Cech zurück: 'Der Ausflug des Herrn Broucek auf den Mond' (1887) und 'Neuer epochaler Ausflug des Herrn Broucek, diesmal in das XV. Jahrhundert' (1888) und wird als 'Opernbilogie' bezeichnet. Der erste Teil stellt, wie der Titel es andeutet, die Reise eines nicht ganz feinen und manierlichen Prager Bürgers, Herr Broucek, auf den Mond dar; der zweite bringt ihn zurück ins XV. Jahrhundert, zu dem Zeitpunkt, als die Deutschen die Belagerung Prags im Jahre 1420 aufheben: Dabei geht der Komponist nicht gerade zimperlich mit seinen Zeitgenossen um.
Man versteht, dass die Oper 'Die Ausflüge des Herrn Broucek', die 1917 abgeschlossen wurde, es nie leicht gehabt hat. Zuerst einmal sind die technischen Anforderungen an die Bühnen (mit u.a. einem fliegenden Ross) so enorm, dass die meisten vor einer Produktion zurückschrecken, zum anderen hielt Leos Janácek damit seinen Landsleuten einen so verzerrungsfreien Spiegel vor die Nase, dass diese nicht gerade mit Begeisterung hineinschauten.
Auch eine Audioproduktion bleibt ein Wagnis, und es ist der DG daher hoch anzurechnen, dass sie dieses mit dem BBC Symphony Orchestra und den BBC Singers auf sich genommen hat. Das Wagnis aber hat sich gelohnt, auch wenn das Tschechische den der Sprache unkundigen Hörer vielleicht abschrecken könnte. Doch Jiri Belohlávek führt mit soviel Geschick und Sensibilität durch die Mäander der Partitur, dass das Zuhören zur hellen Freude wird, zumal der Verleger das Libretto in vier Sprachen (deutsch, englisch, französisch und tschechisch) im Booklet abdruckt. Auch die Kommentare von Nigel Simeone sind lesenswert.
Doch zurück zur Aufnahme! Die hervorragenden Musiker des BBC Symphony Orchestra spielen mit einer derartigen Begeisterung und inneren Überzeugung, als täten sie ihr Leben lang sonst nichts, als sich mit der reichen, wundervoll komplexen und harmonisch stupenden Musik von Janácek abzugeben. Die Sänger folgen den ungemein präzisen Anweisungen des Dirigenten mit Können und Engagement, und es gibt kaum eine Schwachstelle im Solistenensemble, aus dem Jan Vacík als Mr. Broucek, Peter Straka als Mazal und Maria Haan in verschiedenen Rollen herausragen. Aufnahmetechnisch ist hier Feinstes geleistet worden, und die Tontechniker kamen der Sensibilität und dem hinreißenden Engagement von Belohlávek optimal entgegen: Eine Pionierleistung und eine Ehrenrettung wurden hier verwirklicht. Man kann nur dankbar sein. GW
Pizzicato Mai 08
Supersonic
F. Martin: Cellokonzert, Ballade für Cello und Klavier, 8 Préludes für Klavier; Christian Poltéra (Cello), Kathryn Stott (Klavier), Malmö Symphony Orchestra, Tuomas Ollila; 1 CD BIS 1637; 06/07 (64'32)
"Ich liebe die Kontinuität des menschlichen Geistes, die uns gestattet, über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg die Schönheit zu erfassen, welche die Menschen zu schaffen und weiterzugeben vermochten", sagte der Schweizer Komponist Frank Martin (1890-1974), und weiter "Hüten Sie sich vor einer Kunst, die sich jeder Menschlichkeit entäußert. Die abstrakte Kunst ist eine Kunst ohne Zukunft – und für mich auch ohne Gegenwart." Darin liegt die Essenz der Musik von Frank Martin. Die aus diesen Aussagen abgeleiteten Werte findet man in jeder Phrase der Stücke, welche auf dieser CD erklingen. Man findet sie in dem 1967 von Pierre Fournier und dem Basler Kammerorchester unter Paul Sacher uraufgeführten Cellokonzert, das im Repertoire heute immer noch sträflich vernachlässigt wird. Wenn sich Christian Poltéra als 'Sänger auf dem Cello' mit sehr viel Temperament von der langsamen Einleitung in den virtuosen Teil des ersten Satzes hineinschwingt, nimmt er uns mit auf eine musikalische Erlebnisreise der Sonderklasse. Wunderschön gelingt ihm der langsame Satz, und den sehr rhythmischen dritten spielt er mit stupender Virtuosität. Das Symphonieorchester von Malmö unter dem finnischen Dirigenten Tuomas Ollila (ein Schüler des berühmten Dirigentenmachers Jorma Panulas!) begleitet engagiert und kraftvoll, mit einer fabelhaft transparenter Sonorität. Auf das in seiner Grundstimmung eher heitere Cellokonzert folgt die nachdenklichere, dunkler gefärbte epische Ballade, in der Poltéra sich sehr stark einbringt, sehr gut unterstützt von Kathryn Stoott, die das Programm mit tiefschürfend ausgeloteten Préludes für Klavier beschließt. RéF
Pizzicato Mai 08
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